Reden am Limit - Debattierturniere
Denn nur wer hart redet, kann auch hart feiern
Debattierturniere sind die reine Qual - und pures Vergnügen. Nirgendwo sonst kann man in so kurzer Zeit soviele Rededuelle auf hohem Niveau mit vielen quassel- und feierfreudigen Leuten durchexerzieren. Auf Debattierturnieren treffen sich die studentischen Debattierclubs aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, um ihre Redefähigkeiten und ihre nächtliche Standfestigkeit zu beweisen. Ein kleiner Bericht über das 1. ZEIT-Debattenturnier der Saison in Hamburg vom 9. zum. 11. November 2007, auf dem Magdeburg mit zwei Teams vertreten war.
Debattierturniere finden typischerweise über ein (verlängertes) Wochenende statt, im Fall der ZEIT-Debatten von Freitag abend bis Sonntag nachmittag. Man reist also Freitag rechtzeitig genug an, um sich am Abend ein erstes, kleines Gefecht zu liefern, am Samstag in die Vollen zu gehen und Sonntags die Finalrunden zu bestreiten - wenn man gut genug war. Eine Debatte verläuft dann im wesentlichen so, dass eine Seite, nämlich die "Regierung", für den Antrag wirbt und die andere Seite, also die "Opposition", die Argumente der Regierung zerschiesst und mit eigenen dagegenhält. Das zieht sich fröhlich über alle Teilnehmer hinweg bis am Ende eine Jury bewertet, welches Team am besten abgeschnitten hat. Jeder Redner hat übrigens sieben Minuten Zeit, der sprechen muss - höchstens kurz unterbrochen von Zwischenfragen, die er annehmen darf (Bitte sehr, Frau Kollegin, Ihre Frage?) oder auch ablehnen kann (Nein Danke, Sie hatten Ihre Zeit und Sie haben sie verschwendet).
Zwei Teams gehen rein....
Freitag abend ging es mit der ersten Debatte im Rechtshaus der Hamburger Universität los. Magdeburg trat mit zwei Teams an und das Thema war "Dieses Haus würde Hochbegabten die Studiengebühren erlassen", ein kontrovers diskutierbares Thema. Wir konnten hier immerhin einen zweiten und dritten Platz einheimsen, schonmal ein akzeptabler Start. Die Organisatoren boten dann den Besuch einer Uniparty an, aber der Abend endete für das Magdeburger Team dann doch lieber in einem Rundgang über die Reeperbahn und schließlich in einer kleinen, etwas abseits gelegenen Kneipe, wo wir die Nacht gemütlich begossen. Das exzellent gelegene Youth Hostel auf dem Stintfang ist zum Glück nicht weit weg von der Reeperbahn direkt auf einem Hügel an den Landungsbrücken, womit man einerseits einen klasse Blick über den Hafen hat und andererseits nah am Nachtleben ist. Der Nachhauseweg gestaltete sich also einfach und schnell zu Fuß.
Der Samstag war dafür tagsüber sehr anstrengend, denn vier Debatten hintereinander erfordern schon eine Menge an Steh- und Denkvermögen und strapzieren die Nerven doch arg. Lustige Themen wie "Dieses Haus würde es erlauben, Hitlers "Mein Kampf" zu publizieren" (Meine Damen und Herren, WIR von der Regierung haben keine Angst, unseren Bürger diese Auseinandersetzung anzubieten) oder auch "Dieses Haus würde ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen einführen" (Blicken Sie nach Japan, verehrte Kollegen. Dort existiert auch eine erfolgreiche Automobilindustrie und auch dort gibt es ein Tempolimit), ergaben spannende und kontroverse Debatten. Je nachdem, auf welche Seite man gelost wird, muss man entweder für oder gegen den Antrag sprechen und sich für seine Position - völlig unabhängig von der persönlichen Meinung, die keine Rolle spielt - gute Argumente einfallen lassen. Wir konnten mal gewinnen, aber leider belegten wir öfter die Plätze zwei, drei und vier und somit errangen wir am Ende nur jeweils 8 und 5 von 15 möglichen Punkten (wobei niemand 15 Punkte schaffte und nur zwei Teams 14). Fazit: wir müssen noch üben, aber wir werden besser - immerhin gibts uns erst seit einem Jahr, während die Oberprofis mit den vielen Punkten meist schon seit vielen Jahren herumturnieren.
Die fünf Vorrundendebatten münden dann im Halbfinale, zu welchem acht Teams den "Break" schaffen. Aus den beiden Halbfinaldebatten gehen vier Siegerteams hervor, welche sich dann im Finale gegenüber stehen. Ein Team besteht übrigens immer aus zwei Personen und zwei Teams bilden eine Seite - die unabhängig voneinander um den Sieg kämpfen. Die beiden Magdeburger Teams schafften leider nicht den Einzug in die Finaldebatten, schnitten aber durchschnittlich bis gut ab, was diversen Umständen geschuldet ist. Wir belegten die Plätze 12 und 20 von 28 Plätzen. Dabei muss man auch wissen, dass das schlechtere Team einen Turnierneuling dabei hatte - womit klar ist, dass der erstmal lernen muss. Denn die Bewertungen der Leistungen sind streng und hart und Fehler werden unnachgiebig bestraft. Fehler sind beispielsweise Zeitüber- oder -unterschreitungen, schlechte Argumentationsstrukuren, das Nicht-Zurückweisen der gegnerischen Seite oder eine lausige Erklärung der eigenen Argumente. Da kann man eine Menge falsch machen.
... und kein Team kommt raus
Die beiden Magdeburger Teams haben - leiderleider - nicht gebreakt. Aber wir haben uns gegenüber den letzten Turnieren schon verbessert, wo wir noch ausschließlich auf den hinteren Plätzen landeten. Erwähnenswert ist auch die Leistung unserer beiden Juroren, die nicht mitreden dürfen, sich dafür aber das Ganze sozusagen von der anderen Seite her anhören müssen. Nachdem man zuerst 4 mal eine Stunde zugehört und mitgeschrieben und dann noch darüber diskutiert hat, ist man geistig auch relativ fertig und hat sich Entspannung verdient. Die haben wir uns dann auch geholt, denn...
Der Award für das "Last Team Standing on the Bar" dieses Turniers ging eindeutig an Magdeburg. Denn nachdem wir den ganzen Tag hart debattiert hatten, dürfen wir dann natürlich auch hart feiern. Während sich die anderen Teams einer gemütlichen Barkassenfahrt mit anschließendem Kiezrundgang (von uns ja bereits Freitags abgehakt) hingaben, streunten wir zunächst über den Dom - das Hamburger Volksfest, anderswo auch "Messe", "Jahrmarkt", "Dult", "Wiesn" oder "Vasen" genannt - und danach ins bei den Eingeborenen beliebte Schanzenviertel. In der Cafebar Diwan feierten wir noch gemeinsam und nachdem sich gegen halb zwei bei der einen Hälfte der Truppe deutliche Ermüdungserscheinungen breitmachten, zog die andere Hälfter der Turniermannschaft noch weiter. Quer die durch Hamburger Innenstadt ging es vom Club Mandalay, in dem es sich gut lungern und tanzen lässt über einen Kurzversuch ins Pupasch zu kommen wieder zurück ins Schanzenviertel, wo wir in der Kostbar bis um halb sechs versackten und die Stimmung mit den netten Kneipenbetreibern hoben. Die Magdeburger Feierelite immer auf der Suche nach dem letzten Absacker fand ihren Abschluß dann auf dem legendären Fischmarkt. Dabei trotzte sie Wind, Regen, Hagel und Schneegestöber, welche die Feierlaune nicht zu beeinträchtigen vermochten. Gegen halb sieben zurück, lagen dann noch zweieinhalb gemütliche Stunden Schlaf vor uns.
Der Sonntag begann wieder im Schanzenviertel bei einem gemütlichen Frühstück in Omas Apotheke. Körperlich ziemlich ermüdet begaben wir uns dennoch noch einmal zum Ort unserer Niederlage - das Finale blieb uns ja verwehrt - und sagten Freunden Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal - welches bestimmt kommen wird, soviel ist klar. Eines der nächsten Zeit-Debattenturniere findet glücklicherweise in Halle statt, womit die Anfahrt mal etwas kürzer ausfällt.
Und was bleibt?
Was bleibt, ist die Tatsache, dass Debattieren
a) wahnsinnig viel Spaß macht, weil man mit gleichgesinnten, lebenslustigen Leuten über interessante Themen auf hohem Niveau hart und fair streiten kann, ohne das im Nachhinein irgendein Groll zurückbleibt
b) die eigenen Rede- und Präsentationsfähigkeiten in einem Maße schult, wie es kein Rethorikseminar oder -kurs es jemals vermag. Insbesondere die Turniere verlangen viel von einem und man lernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und klar, präzise und zielgerichtet vor Menschen zu sprechen
c) die Reisefreudigkeit quer durch die Republik fördert, weil man ständig auf Turnieren unterwegs ist. Das fördert die eigene Bildung über andere Städte und schließlich lernt man auch lauter neue Leute kennen - quasi eine akademische Singlebörse bester Güte.
Nach jedem Turnier fährt man dann kaputt, müde und geistig ziemlich zermatscht nach Hause und nimmt sich trotzdem vor, auf jeden Fall auf dem nächsten Turnier wieder dabeizusein.
Artikel übernommen von > WebUni Magdeburg.

